„Prinzessin Nancy, Prinzessin Beate und das Pegahorn“

Das waren die Vorgaben zur Geschichte – „Prinzessin Nancy, Prinzessin Beate und das Pegahorn“ -> So sollte es werden
So sieht das fertige Buch aus: -> „Prinzessin Nancy…“ als E-Book

Und hier nun die Geschichte selbst:

Prinzessin Nancy, Prinzessin Beate und das Pegahorn

Es war einmal eine Prinzessin. Diese Prinzessin hieß Beate.

Prinzessin Beate wohnte in einem großen Schloss. Sie wohnte da nicht alleine, sie wohnte da zusammen mit ihrer Schwester. Natürlich war ihre Schwester auch eine Prinzessin. Sie hieß Nancy.

Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate wohnten also in einem Schloss, in einem sehr großen Schloss. Die Eltern fanden das Schloss nicht sehr groß, aber sie hatten keine Ahnung. Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate fanden das Schloss äußerst geräumig. Das Schloss befand sich unter dem Esszimmertisch.

Am liebsten waren Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate im Schloss, wenn es ein Feiertag war. Dann gab es eine lange Tischdecke, die herunterhing, und Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate konnten sich die Decke so zurechtziehen, dass niemand in ihr Schloss hereinschauen konnte.

Da saßen sie nun also in ihrem Schloss und machten prinzessinnenhafte Sachen, als plötzlich jemand vorm Schlosstor stand. Die Decke bewegte sich.

„Das ist bestimmt die Katze“, sagte Prinzessin Nancy. „Sie darf uns immer besuchen, auch ohne Audienz.“

„Nein“, sagte Prinzessin Beate. „Die Katze ist es nicht.“ Denn die Katze saß längst auf ihrem Schoß und wurde gestreichelt.

„Wer ist es denn dann?“, wunderte sich Prinzessin Nancy.

„Lass uns nachschauen“, sagte Prinzessin Beate, setzte die Katze ab und kroch auf ihren Knien ganz langsam und leise zum Schlosstor.

Auch Prinzessin Nancy kroch zum Schlosstor, ganz leise.

Sie wollten den unbekannten Besucher nicht verschrecken; schließlich waren sie Prinzessinnen und manchmal wurden die Leute ganz schüchtern um sie herum.

Als sie fast am Tor waren, hörten sie draußen ein leises „Trapp, trapp, trapp“, das sich schnell entfernte. Und richtig: als sie die Decke vorsichtig beiseite schoben und so das Tor öffneten, sahen sie niemanden. Nur ein letztes „Trapp, trapp“ aus der Ferne wies auf ihren Besucher hin. Es musste ein sehr kleiner Besucher gewesen sein, dem Trapp-trapp nach zu urteilen.

„Hmm“, machte Prinzessin Nancy. „Ich glaube, es war eine Maus. Mäuse sind ziemlich schüchtern.“

„Nein“, sagte Prinzessin Beate. „Es kann keine Maus gewesen sein. Mäuse haben keine Hufe, und es hat doch trapp-trapp gemacht.“

Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate schauten noch eine Weile nach draußen, dann schlossen sie das Tor wieder, setzten sich und machten prinzessinnenhafte Sachen.

Prinzessin Nancy dachte immer noch über den Besucher nach. „Es war bestimmt eine Maus“, sagte sie. „Es war ein ganz kleines trapp-trapp.“ Sie nickte.

„Vielleicht war sie beim königlichen Maushufhofschmied…“, fing Prinzessin Beate gerade an, als sie plötzlich draußen vor dem Schloss ein erneutes „Trapp, trapp“ hörten. Es näherte sich, und als es gleich vorm Schlosstor war, hörten sie auch ein leises Schnauben und dann ein „Hüh“.

Diesmal krochen Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate sehr schnell zum Tor und schauten hinaus.

Trapp, trapp.

Gerade noch so sahen sie einen Po unter dem Sofa verschwinden. Es war ein Po mit weißem Fell und – Prinzessin Beate hatte es genau gesehen – einem Schweif.

„Ein Pferd!“, rief sie und freute sich.

„Ja“, sagte Prinzessin Nancy. „Komm. Wir gehen raus und holen es.“

„Wie denn?“, wollte Prinzessin Beate wissen.

„Wir locken es“, sagte Prinzessin Nancy. „Mit einer Möhre.“

„Oder einem Apfel“, überlegte Prinzessin Beate. Sie mochte Äpfel lieber als Möhren.

So kam es, dass Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate ihr Schloss verließen und zur königlichen Mutter in die Küche rannten.

„Wir möchten gerne eine Möhre“, sagte Prinzessin Nancy, und Prinzessin Beate fügte hinzu: „Und einen Apfel.“

„Was?“, wunderte sich die königliche Mutter. „Normalerweise esst ihr um diese Zeit doch Kuchen.“

„Ja“, sagte Prinzessin Nancy. „Aber heute möchten wir eine Möhre.“

„Und einen Apfel“, fügte Prinzessin Beate hinzu.

„Gut“, freute sich die königliche Mutter. „Gut, dass ihr so gesund essen wollt.“ Sie gab ihnen eine sehr schöne Möhre und einen noch schöneren Apfel. Dann fragte sie doch, etwas besorgt, „Seid ihr sicher, dass ihr keinen Kuchen wollt?“

„Ja, ja, keinen Kuchen“, sagte Prinzessin Nancy, und Prinzessin Beate biss zum Beweis in den Apfel. „Hmm, lecker.“

„Gut“, sagte die königliche Mutter ein letztes Mal.

Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate verließen die Küche und gingen zurück ins Esszimmer. Dort legten sie sich auf das Sofa, unter dem ihr Besucher verschwunden war, und hielten die Karotte und den Apfel von oben herab direkt vor die untere Sofakante. Dann warteten sie.

Nach einer Weile fing Prinzessin Nancy an, Schmatzgeräusche zu machen. „Hmmm, mjam, mjam, schmatz!“

„Hmm, lecker, schmatz, mjam, mjam“, machte auch Prinzessin Beate und plötzlich zuppelte es an ihrem Apfel. „Da, du…“, sagte sie. Sie war ganz aufgeregt, aber bevor sie in Worte fassen konnte, was gerade geschehen war, hatte das Wesen unter dem Sofa auch von Prinzessin Nancys Möhre ein Stück abgebissen.

„Schau, schau!“, rief Prinzessin Nancy ganz aufgeregt und hielt die Möhre hoch. In ihrer Möhre war ein Zähnchenabdruck, und es war ganz eindeutig kein Mäusezähnchenabdruck. Riesenzähne hatten in die Möhre gebissen, nicht ganz riesige Riesenzähne, also eigentlich eher kleine riesige Riesenzähne, aber doch – pferdige Riesenzähne. Ganz eindeutig kein Mäusezähnchenabdruck sondern ein Pferdezähnchenabdruck – wenn auch von einem sehr, sehr, sehr kleinen Pferd.

Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate schauten sich an. Dann legten sie die Möhre und den Apfel in einiger Entfernung auf den Boden vor dem Sofa, so dass das Pferdchen – wenn es denn wirklich eins war (es könnte ja auch eine Maus sein mit einem Pferdegebiss) – unter dem Sofa hervorkommen musste, wollte es noch mal knabbern. Dann warteten sie wieder.

Aber selbst als sie die schmatzigsten Schmatzgeräusche machten, die sie sich ausdenken konnten – mjaum, schlürp, schlock, schmatz-leck-leck! – geschah nichts.

„Wir müssen unauffälliger sein“, sagte Prinzessin Nancy. Sie überlegte und zog vor lauter Konzentration ihre Stirn in Falten. Dann sagte sie: „Komm, wir tun so, als lesen wir.“

„Gute Idee“, stimmte Prinzessin Beate zu, und beide fingen an, still zu lesen, schauten aber nach jedem zweiten Satz von ihren Büchern auf und sahen auf Möhre und Apfel. Die lagen unberührt.

„Vielleicht sollten wir laut lesen“, schlug Prinzessin Beate vor.

„Au ja“, sagte Prinzessin Nancy und fing sofort an. „Und schon sprang der kleine Junge ins Wasser und schwamm, so gut wie ein Boot. Ahoi!“

Prinzessin Beate las auch laut. Ihr Buch war über eine Katze, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Ohne es richtig zu merken, las sie ein und denselben Satz noch mal und noch mal: „Die Katze war wunderschön und zeigte ihre Krallen.“

Auch Prinzessin Nancy wiederholte immer das Gleiche: „Und schwamm, so gut wie ein Boot.“

„Die Katze zeigte ihre Krallen.“

Mindestens zwanzig Mal wiederholten sie diese Sätze, und dann passierte etwas.

„Psst“, machte Prinzessin Beate. „Schau!“

Von unter dem Sofa erschien…

„Ein Knochen“, flüsterte Prinzessin Nancy. Das Wesen unter dem Sofa streckte ihnen einen Knochen hin, wie bei Hänsel und Gretel im Hexenhaus!

Doch nein: da erschien ein ganzer Kopf von unter dem Sofa. Der Knochen war kein Knochen, der Knochen war ein Horn. Und das Pferdchen war kein Pferdchen, das Pferdchen war – ein Einhorn!

Das Einhorn spazierte in aller Ruhe – trapp, trapp – zur Möhre, schnüffelte und wieherte kurz, schnaubte und biss dann doch vom Apfel ab. Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate staunten.

„Wenn es ein Einhorn ist, kann es doch fliegen!“, sagte Prinzessin Beate. „Und wir können drauf reiten.“

„Nein“, sagte Prinzessin Nancy. „Einhörner fliegen nicht.“ Prinzessin Nancy war etwas älter als Prinzessin Beate und daher klüger. „Es sind Pegasuse, die fliegen“, erklärte sie.

„Oh“, sagte Prinzessin Beate. „Ich will aber fliegen. Mein Einhorn fliegt! Weißt du was?“, fügte sie dann hinzu. „Wir machen einen Test. Das Horn ist bestimmt nicht echt.“

„Ja“, nickte Prinzessin Nancy. Es hatte doch sehr wie ein Knochen ausgesehen.

„Genau“, redete Prinzessin Beate weiter. „Wenn es ein Einhorn ist, fliegt es wohl nicht, aber das Horn ist echt. Aber wenn es ein Pegasus ist, fliegt es, und das Horn ist aufgeklebt.“

„Gut“, sagte Prinzessin Nancy. „Wir testen.“ Sie legte die Stirn in Falten. Gab es nicht auch einen königlichen Einhornhornaufkleber, ähnlich dem königlichen Maushufhofschmied?

Prinzessin Beate unterbrach ihre Grübelei. „Was auch immer es ist, es ist sehr klein“, sagte sie zweifelnd, und beide schauten zum schmatzenden Tierchen hinüber.

„Wir füttern es groß“, bestimmte Prinzessin Nancy und nickte, und schon gingen die beiden zurück in die Küche.

Die königliche Mutter war sehr erstaunt. „Zehn Möhrchen wollt ihr?“

„Ja“, nickte Prinzessin Nancy sehr ernsthaft.

„Nun gut“, sagte die königliche Mutter und gab ihnen die besten Möhrchen, die sie finden konnte.

Prinzessin Beate hielt die Hände auf und biss in zwei von den größten Möhrchen gleichzeitig, um zu beweisen, dass alles normal war. „Schmatz, schmatz“, machte sie laut. Dann drehten sie und Prinzessin Nancy sich um und gingen zurück ins Esszimmer.

Die königliche Mutter folgte ihnen, ganz heimlich. Sie war etwas misstrauisch – erst ein Möhrchen, dann zehn… An der Tür zum Esszimmer blieb sie stehen und schaute vorsichtig um die Ecke. Da knieten Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate auf dem Teppich und fütterten die Möhrchen an – ja, an ein Einhorn. Die königliche Mutter lächelte. Als sie klein gewesen war, hatte sie auch ein Einhorn gekannt. Aber dann war es weggeblieben, eines Tages, bestimmt weil sie zu alt geworden war.

„Ich lass die beiden alleine spielen“, dachte die königliche Mutter. „Nicht, dass ich das Einhorn vertreibe.“ Und damit schloss sie leise die Tür und ging zurück zum königlichen Abwasch, den sie gerade gemacht hatte, obwohl es Feiertag war.

Das Einhorn fraß und fraß. Mit jeder Möhre wurde es ein Stück größer, genau genommen doppelt so groß wie zuvor. Bald war es groß genug, um darauf zu reiten.

„Ich zuerst“, sagte Prinzessin Beate.

„Nein, ich“, sagte Prinzessin Nancy.

Aber bevor die beiden sich streiten konnten, trat das Einhorn zwischen sie und küsste beide zugleich auf die Wange mit seinem Pferdemäulchen, das jetzt nicht mehr sehr klein war.

„Oh, oh“, sagten Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate, „dann zusammen.“ Und eins, zwei, drei – Hopp! – sprangen sie auf.

Als das Einhorn sich in die Luft erhob, rief Prinzessin Beate: „Es ist ein Pegasus! Ein Pegasus! Ich wusste es!“ Sie griff nach dem Horn. „Das kann jetzt weg.“ Aber das Horn ließ sich nicht entfernen, so doll sie auch daran zog. „Es ist echt! Das Horn ist echt!“, rief sie da, und das Einhorn schnaubte.

„Wozu ist es dann da?“, fragte Prinzessin Nancy.

Prinzessin Beate antwortete nicht – sie hatte es schon herausgefunden. Das Horn war ein Steuerknüppel. Jetzt zog sie es nach links; gehorsam flog das Einhorn in eine Kurve. Und immer weiter zog Prinzessin Beate das Horn nach links, und immer weiter drehte das Einhorn Kreise im Zimmer, linksherum, bis Prinzessin Nancy rief: „Auch mal in die andere Richtung! Mir wird ganz schlecht.“

„Oh“, machte Prinzessin Beate. „Tut mir leid.“ Sofort riss sie das Horn in die andere Richtung. Aber sie hatte wohl zu doll gerissen; das Einhorn bockte und schlug mit den Hinterbeinchen aus. Fast schmiss es sie ab.

„Oh! Tut mir leid!“, sagte Prinzessin Beate erneut. Sie streichelte das Horn und korrigierte den Kurs ganz sanft.

Den ganzen Tag flogen Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate auf dem Einhorn durchs Zimmer, mal linksrum, mal rechtsrum, sie flogen und flogen, linksrum und rechtsrum und auch mal geradeaus, bis das Einhorn die ganzen Kalorien von den Möhrchen verbrannt hatte und immer kleiner wurde. Bald war es so klein geworden, dass Prinzessin Nancys und Prinzessin Beates Beine auf dem Fußboden schleiften und sie das Einhorn kaum noch sehen konnten unter sich.

Vorsichtig stiegen sie ab und setzten das Einhorn vor sich auf den Teppich. Das Einhorn schnaubte leise und kroch erschöpft unters Sofa. Von dort hörten sie ein letztes Trapp-trapp, dann einen Plumps und schließlich ein leichtes Schnarchen. Das Einhorn war eingeschlafen, und auch Prinzessin Nancy und Prinzessin Beate waren sehr müde und gingen zurück in ihr Schloss.

Da fand sie die königliche Mutter später und trug sie in die prinzesslichen Betten.

„Hmm“, murmelte Prinzessin Nancy im Schlaf. „Keine Maus.“

„Hmm“, murmelte auch Prinzessin Beate. „Kein Einhorn.“

„Ein Pegahorn“, sagte die königliche Mutter und deckte die beiden zu. „Schlaft gut. Gute Nacht, gute Nacht.“ Und sie verließ das Zimmer und lächelte. „Gute Nacht.“

 


bestellt von: Nancy und Beate (jetzt erwachsen)
bestellt für: sich selbst (die Kinder in ihnen)


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